Wünschenswertes Szenario für Sachsen-Anhalt 2031
Franks Merkbuch: Wie wir angefangen haben, uns selbst was zu versprechen
Die Zukunft greifbar machen: Ein wünschenswerte gesellschaftliches Betriebssystem für unsere Region
An der Hochschule Anhalt beschäftigen wir uns seit vielen Jahren interdisziplinär mit einer zentralen Frage: Wie ermöglichen wir der nächsten Generation Bildung für einen erfolgreichen, selbstbestimmten Arbeitsweg und welche sozio-ökonomischen Modelle sind dafür in unserer Region wirklich vielversprechend?
Wenn heute über Künstliche Intelligenz (KI) und Strukturwandel gesprochen wird, schwanken die Debatten oft zwischen blinder Technologie-Euphorie und der Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen. Wir sehen das anders. In Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität der Künste Berlin und einem weiten Expertennetzwerk haben wir einen wissenschaftlich fundierten Ansatz entwickelt: das „Kompendium: Alchemie des Nächsten Gesellschaftlichen Betriebssystems“.
Der Kern dieses Leitbilds ist zutiefst menschlich. Es geht nicht um Effizienzgewinne durch Automatisierung, sondern um die Entfaltung der Potentiale der Mitarbeiter. KI soll uns entlasten und unsere Fähigkeiten erweitern, damit wieder Raum für das entsteht, was Maschinen nicht können: echte Beziehungen, unternehmerische Kreativität und das Übernehmen von Verantwortung vor Ort.
Doch akademische Konzepte bleiben abstrakt, wenn sie nicht im echten Leben ankommen. Auf Basis unserer Forschung entwickeln wir daher für konkrete Branchen und Regionen wünschenswerte, ambitionierte, aber absolut realistische Zukunftsszenarien. Die Menschen in Mitteldeutschland haben aus historischer Erfahrung eine berechtigte Skepsis gegenüber großen politischen Versprechungen entwickelt. Deshalb erzählen wir keine utopischen Märchen, sondern zeigen technologische und soziale Entwicklungen, die bereits heute in Ansätzen existieren und die es wert sind, skaliert zu werden.
Heute möchten wir ein erstes solches Szenario mit Ihnen teilen. Es spielt nicht im Silicon Valley, sondern hier bei uns in der Region, im Jahr 2031. Begleiten Sie Elektromeister Frank aus Sangerhausen durch seinen Alltag und entdecken Sie, wie wir angefangen haben, uns selbst etwas zu versprechen und diese Versprechen auch verlässlich einzulösen.
DER PROTAGONIST: Frank
1994: Lehre als Elektroinstallateur. Zwei Jahre zuvor hatte sein Vater Bernd nach der Abwicklung des Mansfeld-Kombinats den Ein-Mann-Betrieb gegründet: aus der Not heraus, weil er mit Ende Dreißig nirgends mehr unterkam.
2003: Meisterprüfung in Halle.
2008: Übernahme des Betriebs, damals vier Mitarbeiter.
2026: Sieben Mitarbeiter, volle Auftragsbücher, 14 Monate Wartezeit für Neukunden. Seit 2019 kein Azubi.
2031 heute: Elf Mitarbeiter, zwei Azubis. Partnerbetrieb der Energiegenossenschaft Goldene Aue eG und Elektro-Gewerk beim Grubenwasser-Fernwärmenetz.
Verheiratet mit Simone, Medizinische Fachangestellte im Regionalen Gesundheitszentrum Sangerhausen. Tochter Lisa, 26, lebt in Leipzig. Außerdem ist Frank seit 30 Jahren Gerätewart bei der Freiwilligen Feuerwehr.
Seine Eigenheit: ein abgegriffenes schwarzes Merkbuch in der Brusttasche. Da stehen Versprechen drin, die ihm und der Region gemacht wurden seit der Wende. Wer, wann, was. Die meisten Einträge haben kein Häkchen. Im Betrieb heißt es: „Der Frank vergisst nichts.“
EIN TAG IN FRANK’S LEBEN: SANGERHAUSEN, DIENSTAG, 17. JUNI 2031
6:45 Uhr: Die Kiste hat schon disponiert
Die Halle riecht nach Kaffee und Kabelisolierung. Frank schließt auf, aber das Licht brennt schon. Jonas steht an der Werkbank und sortiert Klemmen. 17 Jahre alt, zweites Lehrjahr.
„Der Rufbus war pünktlich?“, fragt Frank.
„Sechs Uhr zwölf. Ich hab ihn gestern Abend bestellt, App sagt zwei Minuten Fußweg.“ Jonas grinst. „Sie sind spät, Chef.“
Auf dem Bildschirm im Büro wartet die Tagesübersicht. Die Kiste, wie Frank die Software nennt, hat um 5:30 Uhr die Touren neu gerechnet. Bei Familie Schneider in Oberröblingen ist nachts die Wärmepumpe ausgestiegen. Die Kiste hat den Notdienst-Termin nach vorn verlegt, zwei Wartungstermine verschoben und die Kunden benachrichtigt. Drei Angebote liegen zur Freigabe bereit, vorformuliert aus den Aufmaßen von gestern.
Frank liest die Angebote trotzdem Zeile für Zeile. Noch 2028 hat er drei Monate lang jede Zahl überprüft, die die Kiste berechnet hat, bevor er bereit war, ihr die Disposition zu überlassen. Seitdem sagt er, wenn ihn jemand fragt, was das Ding kann: „Die Kiste hält mir den Rücken frei. Papierkram macht se. Strom kann se nich.“
Zwölf Stunden Büroarbeit pro Woche hat sie ihm abgenommen. In dieser Zeit steht Frank jetzt auf Baustellen oder neben Jonas an der Werkbank. So wie sein Meister damals neben ihm stand.
Gefunden hat der Betrieb den Jungen nicht über eine Anzeige. Jonas stand im neunten Schuljahr plötzlich in der Halle. Praxistag, jeden Mittwoch. Vier Tage Schule, ein Tag Betrieb. So machen die Schulen im Kreis das seit ein paar Jahren. Frank hatte ihn zum Fegen eingeteilt und nach drei Wochen festgestellt, dass die Materialliste stimmte, wenn Jonas sie geführt hatte. Am Ende des Schuljahres fragte Jonas nach der Lehrstelle. Nicht umgekehrt. Inzwischen stehen jedes Jahr zwei neue Mittwochsschüler in der Halle. Frank nennt sie die Mittwochskinder und tut so, als wäre ihm das lästig.
„Was liegt an?“, fragt Jonas.
„Wettelrode, Übergabestation. Danach Bauamt. Du kommst mit bis Wettelrode. Ansonsten sagt dir die Kiste, wo du hin sollst.“ Frank nimmt den Schlüssel vom Brett. „Und du fährst nicht. Du wirst gefahren. Transporter gibt’s mit 18 und bestandener Führerscheinprüfung. Bis dahin: Rufbus.“
„Das haben Sie letzte Woche auch gesagt.“
„Und nächste Woche sage ich es wieder. Ordnung muss sein.“
8:30 Uhr: Wärme aus dem Berg
Die Übergabestation am Ortsrand von Wettelrode ist ein flacher Neubau, davor parken zwei Transporter der Stadtwerke. Drinnen laufen die Pumpen. Frank prüft mit Jonas die Schaltschränke für den zweiten Wärmetauscher, Abnahme ist nächste Woche.
Ines Schröder kommt durch die Tür, Projektleiterin der Stadtwerke, Tablet unterm Arm. „Frank. Liegen wir im Plan?“
„Ihr liegt im Plan, wenn meine Messwerte stimmen. Und die stimmen.“ Er zeigt auf den Schrank. „Frag mich lieber, ob ich das vor fünf Jahren geglaubt hätte.“
„Hättest du nicht.“
„Hätte ich nicht.“
Das Wasser kommt mit neunzehn Grad aus dem alten Kupferschieferbergbau, aus Stollen, in denen Franks Großvater noch eingefahren ist. Wärmepumpen heben es auf siebzig Grad, das Netz versorgt inzwischen 1.800 Haushalte in Sangerhausen, 3.000 sollen es bis 2033 werden. Die Grundgebühr liegt zwölf Prozent unter dem, was Franks Schwager in Erfurt für Gas zahlt.
Jonas schaut auf das Schema an der Wand, die blauen und roten Linien zwischen Schacht und Stadt. „Verrückt eigentlich. Das Bergwerk ist seit über vierzig Jahren zu und arbeitet trotzdem.“
Ines nickt. „Das Modellprojekt lief hier schon 2026 an, mit Strukturwandelgeld. Damals haben alle gesagt: wieder so eine Ankündigung. Inzwischen kommen Delegationen aus dem Ruhrgebiet und gucken sich das an.“
Frank sagt nichts. Sein Großvater hat vom Berg gelebt, sein Vater wurde mit dem Berg abgewickelt. Jetzt heizt der Berg das Kinderzimmer seiner Enkelin, falls Lisa je eins einrichtet. Er notiert die Messwerte und merkt, dass er lächelt, und hört sofort wieder auf.
10:15 Uhr: Acht Werktage
Das Bauamt Sangerhausen, dritter Stock. Frank will die Lagerhalle erweitern, Anbau für das Nachtlager der Genossenschaftsspeicher, und hat einen Termin bei Frau Nowak.
Er kennt das Amt noch anders. 2019 hat er für den Carport eines Kunden elf Monate auf die Genehmigung gewartet. Der Eintrag steht im Merkbuch: „Bauamt, März 2019, zugesagt 3 Monate.“ Kein Häkchen.
Frau Nowak dreht den Bildschirm zu ihm. „Ihr Entwurf ist gestern durch die Vorprüfung gelaufen. Bebauungsplan, Statik-Kennwerte, Abstandsflächen: alles automatisch geprüft, alles grün. Was übrig bleibt, ist die Brandschutz-Ausnahme wegen der Speicher. Das entscheidet ein Mensch, das entscheide ich, und dafür sitzen Sie hier.“
Sie gehen die Lüftungsführung durch, zwanzig Minuten, konzentriert. Dann stellt Frau Nowak den Entscheidungsknoten in der Rulemapp auf grün. „Bescheid in acht Werktagen. Das ist keine Hoffnung, das ist eine Frist. Wenn wir sie reißen, gilt der Antrag als genehmigt.“
Frau Nowak lehnt sich zurück. „Wissen Sie, was sich geändert hat? Früher habe ich achtzig Prozent meiner Zeit mit Fällen verbracht, die eine Maschine prüfen kann. Karteireiter, Fristen, Formfehler. Jetzt macht das System die Standardfälle, und ich mache die, bei denen man nachdenken muss. Ich bin nicht weniger geworden, Herr Weber. Ich bin wieder zuständig.“
Auf dem Parkplatz zieht Frank das Merkbuch aus der Brusttasche und schreibt: „Bauamt, 17.6.2031, zugesagt 8 Werktage.“ Alte Gewohnheit. Er blättert kurz zurück, elf Monate, März 2019, und klappt das Buch zu.
12:30 Uhr: Mittagstisch bei Petra
Der Dorfladen von Wallhausen hat seit vier Jahren wieder geöffnet, Genossenschaft, 214 Mitglieder, Anteil fünfzig Euro. Petra Hoffmann steht hinter der Theke, wie jeden Dienstag, wenn Frank auf dem Rückweg von Wettelrode hier Mittag isst. Soljanka, drei Euro achtzig für Mitglieder.
„Na, Meister“, sagt Petra. „Dein Jonas war eben da, hat für die ganze Truppe Schnitzelbrötchen geholt. Der Junge kann rechnen, sag ich dir. Hat auf den Cent gestimmt.“
„Deswegen hab ich ihn genommen.“
Petra deutet mit dem Kinn auf die Kühltheke, deren Kompressor seit Wochen röchelt. „Der Antrag ist durch, übrigens. Bürgerbudget vom Landkreis, achttausend Euro, die neue Theke kommt im Oktober. Und im November muss der Gemeinderat öffentlich abrechnen, was aus allen Anträgen geworden ist. Abrechnen, nicht abnicken.“ Sie sagt es ohne Triumph, wie eine Wetteransage. Vor ein paar Jahren hätte so ein Antrag zwei Jahre in einem Ordner gelegen, und niemand hätte je erfahren, in welchem.
An der Stirnseite des Ladens, hinter einer Glastür, ist die Gesundheitsecke: ein Raum, ein Untersuchungsstuhl, Messgeräte, ein großer Bildschirm. Kathrin Berger kommt gerade heraus, Pflegefachkraft, sie betreut die Tele-Sprechstunde dienstags und donnerstags. Auf dem Bildschirm hinter ihr verabschiedet sich ein Hautarzt aus Halle.
„Frau Lindner“, ruft Kathrin in den Laden, „Sie können durchkommen, der Doktor ist so weit.“
Die alte Frau Lindner schiebt ihren Rollator an Frank vorbei. „Drei Tage hat das gedauert mit dem Termin“, sagt sie zu niemandem Bestimmten. „Früher acht Wochen und dann mit dem Taxi nach Halle, fünfzig Euro, eine Weltreise.“
Kathrin setzt sich für fünf Minuten zu Frank an den Stehtisch. „Die Augenpraxis in Salzwedel hat das vorgemacht, 2024 schon, ohne Arzt vor Ort, das lief erst als Ausnahme. Seit das Kassenmodell 2027 kam, ging es überall los. Ich messe, ich untersuche vor, der Arzt ist zugeschaltet und entscheidet. Ersetzen kann ich den Doktor nicht. Aber ohne mich käme er gar nicht bis hierher.“
Petra wischt die Theke, hört zu, sagt dann: „In Martinsrieth haben sie den Laden im Februar wieder zugemacht. Zu wenig Leute, die anpacken. Genossenschaft heißt nicht, dass es von allein läuft.“ Sie schaut zu Frank rüber. „Und ich werde auch nicht jünger. Wenn ich mit siebzig noch hier stehe, war der Plan schlecht.“
Frank isst seine Soljanka. Das ist das Ehrliche an Petra: Sie verkauft einem nichts, was sie nicht hat. Auch keine Zukunft.
18:00 Uhr: Die Versammlung im Feuerwehrhaus
Das Gerätehaus Wallhausen, Fahrzeughalle, sechzig Klappstühle, fast alle besetzt. Jahresversammlung der Energiegenossenschaft Goldene Aue eG, 640 Mitglieder aus elf Ortschaften. Frank sitzt in der dritten Reihe, als Mitglied und als Partnerbetrieb.
Heike Brandt, Vorständin, Landwirtin aus Riestedt, geht die Zahlen durch, ohne Folienschlacht, eine Tafel, ein Beamer. „Strompreis für Mitglieder im Schnitt 24,3 Cent. Grundversorger nebenan: 33,8. Ausschüttung dieses Jahr vier Prozent auf die Anteile. Und bevor einer fragt: Ja, die Wartungskosten für den Windpark sind gestiegen, steht alles auf Seite drei, könnt ihr nachrechnen.“
Abgestimmt wird über die zweite Solarfläche an der B86, Handzeichen, Zettel für die, die es genau haben wollen. Micha Krüger meldet sich, Kfz-Meister, Franks Skatbruder seit dreißig Jahren.
„Ich sag’s, wie ich’s letztes Jahr gesagt hab“, sagt Micha. „Wenn die Preise wieder steigen, seid ihr genauso wie die Großen, bloß in klein. Ich glaub das erst, wenn ich’s fünf Jahre schwarz auf weiß habe.“
„Du hast es jetzt vier Jahre schwarz auf weiß“, sagt Heike.
„Dann fehlt noch eins.“
Gelächter, auch Micha grinst. Er stimmt gegen die Solarfläche, wie immer, und bleibt danach am Bierstand stehen, wie immer. Niemand redet auf ihn ein. Sein Anteil ist so viel wert wie jeder andere, seine Gegenstimme auch.
Auf dem Heimweg denkt Frank darüber nach, dass die Versammlung das Gegenteil von dem ist, was er jahrelang über „die da oben“ gedacht hat. Nicht weil hier bessere Menschen sitzen. Sondern weil man Heike Brandt beim Wort nehmen kann und sie weiß, dass man es tut. Das Geld bleibt in der Goldenen Aue, die Zahlen liegen auf dem Tisch, und wer dagegen ist, kriegt ein Mikrofon statt einen Stempel.
20:30 Uhr: Häkchen
Der Garten hinterm Haus, die Amseln sind laut. Bernd Weber, 78, sitzt auf der Bank und schneidet Bohnen, die Finger langsam, aber genau. Frank bringt zwei Flaschen Bier.
„Simone sagt, im Gesundheitszentrum suchen sie ab Herbst noch eine Physiotherapeutin“, sagt Bernd beiläufig. Zu beiläufig.
„Papa.“
„Ich sag ja nur.“
Das Telefon summt. Lisa. Frank stellt auf laut, damit der Opa mithört.
„Papa, wir haben’s uns überlegt.“ Ihre Stimme hat dieses Vibrieren, das sie schon als Kind hatte, wenn sie etwas beschlossen hatte und keiner es ihr mehr ausreden sollte. „Ben kann von überall arbeiten, dem ist es egal, ob das WLAN in Leipzig steht oder in Sangerhausen. Und die Stelle im Gesundheitszentrum: Ich hab heute mit der Leiterin telefoniert. Ich fang im Oktober an.“
Bernd hört auf, Bohnen zu schneiden.
„Und wohnen?“, fragt Frank, weil er nichts Besseres herausbringt.
„Deswegen ruf ich ja an. Du hast doch mal gesagt, der Nachbar will seine Haushälfte loswerden.“
„Hab ich das gesagt?“
„Papa. Du hast es dreimal gesagt.“
Als das Gespräch zu Ende ist, sitzen die beiden Männer eine Weile still. Bernd nimmt einen Schluck Bier. „Weißt du, was wir 1992 gedacht haben? Dass wir die Letzten sind. Dass wir noch abschließen und das Licht ausmachen.“ Er dreht die Flasche in der Hand. „Ich hab in dem Winter in drei Monaten gelernt, was ein Gewerbeschein ist, was Skonto ist, was eine Bürgschaft ist. Nachts am Küchentisch. Deine Mutter hat gesagt, ich lerne Westdeutsch mit Wörterbuch. Gefragt hat uns keiner. Es hieß: Nun macht mal. Und wer es nicht geschafft hat, war hinterher selber schuld.“ Er stellt die Flasche ab. „Wir haben damals alles einmal neu machen müssen, und es hat uns keiner gefragt. Diesmal ist es andersrum. Diesmal wird gefragt. Das ist der ganze Unterschied, und es ist der größte, den ich kenne.“
Später, am Küchentisch, zieht Frank das Merkbuch aus der Brusttasche. Er blättert. „Bauamt, März 2019“: kein Häkchen, das bleibt so. Aber dahinter, auf den letzten Seiten, setzt er drei: hinter die Fernwärme-Zusage von 2027, die seit Januar sein eigenes Haus heizt. Hinter das Genossenschafts-Versprechen von Heike, vier Jahre stabile Preise, das vierte Jahr ist voll. Hinter „Tele-Termin unter einer Woche“, zugesagt vom Landkreis 2028, heute bei Frau Lindner: drei Tage.
Drei Häkchen in einem Buch voller offener Posten. Es ist nicht viel. Es ist mehr als in den dreißig Jahren davor.
Auf die letzte Seite schreibt er, in seiner geraden Elektrikerschrift: „Lehrwerkstatt für drei Azubis bis 2033. Zugesagt: F. Weber, 17.6.2031.“
Wer hart arbeitet, darf nicht der Dumme sein. Das hat Frank immer gesagt, und er sagt es noch. Aber zum ersten Mal, seit er denken kann, ist er nicht mehr sicher, ob der Satz eine Abrechnung ist. Vielleicht ist es eine Bauanleitung.
GESELLSCHAFTLICHER KONTEXT 2031
Die Kiste im Betrieb: KI-Assistenz ist Mittelstands-Normalität geworden. Was 2026 in gut 400 Handwerksbetrieben in Sachsen-Anhalt begann, begleitet von Handwerkskammern und Mittelstand-Digital-Zentren, ist 2031 so verbreitet wie die Buchhaltungssoftware: Systeme, die Angebote schreiben, disponieren, dokumentieren und Anrufe annehmen. Statt der Roboter kam die Entlastung vom Papierkram. Der Effekt auf den Fachkräftemangel ist doppelt: Betriebe schaffen mehr Aufträge mit denselben Leuten, und Meister haben wieder Zeit, auszubilden. Akzeptiert wurde die Technik, weil sie die Menschen augmentiert, ihnen erlaubt, ihre Potenziale zu entfalten, und natürlich, weil sie sich rechnet und weil alles lokal kontrollierbar blieb.
Der Staat funktioniert wieder: Standardfälle automatisch, Menschen für den Rest. Aus der Personalnot der Kommunen wurde eine Tugend. Nach estnischem Vorbild und mit der in Deutschland entwickelten Law-as-Code-Methode Rulemapping prüfen Systeme seit Ende der 2020er Standardanträge automatisch: Bauvoranfragen, Kfz, Wohngeld, Gewerbe. Verbindliche Fristen mit Genehmigungsfiktion ersetzen das Warten ins Ungewisse. Die Sachbearbeiterinnen sind nicht verschwunden, sie bearbeiten die Fälle, für die man Urteilskraft braucht. Ausgerechnet die Flächenregionen, wo der Personalmangel am härtesten war, wurden zum Vorreiter.
Eigentum vor Ort: die Genossenschafts-Renaissance. Das im Osten vertraute Modell hat seine zweite Karriere gemacht: Dorfläden, Energiegenossenschaften, Wohnprojekte, Speicher-Infrastruktur. Der Mechanismus ist konservativ im besten Sinn: Die Wertschöpfung bleibt im Ort, die Zahlen liegen offen, gehaftet wird mit dem eigenen Anteil, und die Jahresversammlung ist eine Rechenschaftspflicht, bei der man dem Vorstand ins Gesicht sagen kann, was passt und was nicht. Wo Weltmarkt und Staat sich zurückgezogen hatten, wurde Selbstorganisation zur verlässlichen Infrastruktur.
Die Peripherie versorgt sich selbst: Telemedizin in der Regelversorgung. Das Salzwedeler Modell der arztlosen Facharztpraxis, 2024 noch eine geförderte Ausnahme, wurde 2027 Kassenleistung. 2031 gibt es Gesundheitsecken in Dorfläden, Gemeindehäusern und Feuerwehrhäusern: Pflegefachkräfte vor Ort, Fachärzte zugeschaltet, Termine in Tagen statt Monaten. Der Ärztemangel ist nicht verschwunden, aber er entscheidet nicht mehr darüber, ob ein Dorf versorgt ist. Manche Patienten kommen inzwischen aus den Nachbar-Bundesländern, wo es so etwas (noch) nicht gibt.
Das Geld kommt an: Strukturwandel mit Bürgerbudgets. Die Milliarden für das Mitteldeutsche Revier flossen in den späten 2020ern zunehmend über Formate, die Bürger direkt beantragen und mitentscheiden: Der Ideenwettbewerb Revierpionier (2026: fast 600 Einreichungen) wurde zum Muster für kommunale Bürgerbudgets mit fester Umsetzungspflicht. Nicht jedes Projekt gelang, aber die Erfahrung „Wir haben das beantragt, wir haben das entschieden, jetzt steht es da“ hat mehr Vertrauen aufgebaut als jede Kampagne. Die Zuversicht für das Land, 2025 noch bei 17 Prozent, hat sich seitdem mehr als verdoppelt. Verordnet hat diesen Optimismus niemand; private Zufriedenheit und öffentliches Funktionieren finden schlicht wieder zusammen.
Dieses Szenario ist kein Versuch, die Zukunft vorherzusagen, sondern ein Denkanstoß und Ausgangspunkt für strategische Diskussionen. Jede Entwicklung im Text hat ein reales Vorbild, das 2026 in Sachsen-Anhalt oder in übertragbaren Kontexten bereits existiert: von der Telemedizin-Praxis in Salzwedel über die Grubenwasser-Wärme in Sangerhausen bis zu den Dorfladen-Genossenschaften im Harz. Die Geschichte soll Diskussionen anregen, strategisches Denken fördern und die Frage aufwerfen: Was tun wir heute, damit Menschen wie Frank 2031 Häkchen setzen können?
Basierend auf dem Next Societal Operating System; Entwickelt von Johannes Kleske, Max Senges, Stefan Stumpp, Juli 2026
