KI zur Potentialentfaltung: Ein sozio-ökonomisches Leitbild für ein humanistisches KI-Zeitalter

Detail der Lehrtafel „Der Mensch als Industriepalast“ 1926, © Kosmos Verlag

Die großen Leitbilder des 20. Jahrhunderts – ob sozialstaatlich-links oder (neo-)liberal geprägt – sind verbraucht. Dem wütenden Populismus können sie kaum widerstehen. Der produktive Wettstreit um zukunftsfähige Lösungen benötigt dringend Orientierung. Und genau hier beginnt unsere Chance: Was wir jetzt brauchen, ist eine neue Erzählung – eine, die nicht nur von Wachstum spricht, sondern bei Fortschritt auch Verantwortung mitdenkt [1]. Eine Erzählung, die nicht auf Kontrolle und Automatisierung zielt, sondern auf dezentrale Selbstermächtigung. Nicht gegen den Wandel, sondern mitten hinein.

Fundierung des Leitbilds

Diese neue Erzählung von der nächsten Wirtschaft, der nächsten Gesellschaft, verbindet die Orientierung am Menschen als schöpferisches, mitfühlendes und vernünftiges Wesen mit einer Technologie, die der menschlichen Potenzialentfaltung dient, und nicht der Maximierung von Macht oder Gewinn. Denn Technologie ist kein Selbstzweck. Sie ist Mittel. Das gilt auch für die Künstliche Intelligenz (KI): Sie kann ein Werkzeug sein, um Wirtschaft und Gesellschaft menschlicher und nachhaltiger zu gestalten.

Im Leitbild der humanistischen KI ist jede:r Einzelne gefragt und ermächtigt, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen, das Potenzial zu entfalten und eigenen Beitrag kontinuierlich zu gestalten.

In diesem Szenario werden Unternehmen nicht als Maschinenräume zur Maximierung von Kapitalrendite gedacht, sondern als Teil sozialer Systeme zur Entfaltung von Potenzial. KI sortiert Daten, analysiert Muster, automatisiert Abläufe, trägt zur Umsetzung neuer Ideen bei. Sie kann Empathie und Kreativität simulieren, aber mehr auch nicht. Das, was bleibt – das, was wächst – ist der Mensch in seiner schöpferischen Kraft: in der Entwicklung von Beziehungen sowie sozialen, ökonomischen und politischen Unternehmungen, in der empathischen Gestaltung vonKundenbeziehungen , in der verantwortungsvollen Organisation von nachhaltigem Fortschritt. Mitarbeiter:innen sind keine zu automatisierenden Funktionen, sondern Menschen, die innerhalb ihrer Organisationen eigenständig denken, lernen und handeln.

KI im Verständnis dieses Leitbilds kann menschliche Kreativität, Schöpferkraft und intrinsisch motivierte Kompetenzentwicklung in einer neuen Art und Weise und in noch nie gesehenem Ausmaß unterstützen. Dann wird die Bildung des Kopfes und des Herzens zum zentralen Produktionsmittel für den menschlichen Beitrag zur gemeinsamen Wertschöpfung. In dieser Erzählung heißt es nicht: „Der Mensch wird überkommen“, sondern: „Das Menschliche wird gestärkt“. Diese Vision ist humanistisch und Tech-optimistisch zugleich. Im Übergang zur nächsten wirtschaftlichen Epoche, zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab, der das 21. Jahrhundert prägen wird: weg von der Optimierung des Bestehenden – hin zur Kultivierung des Möglichen.

Lösungsansatz: Das Konzept der Augmentierung

Im Zentrum dieser Vision steht die Augmentierung – die gezielte Erweiterung menschlichen Handlungsraums und menschlicher Fähigkeiten durch KI.

Ein eindrucksvolles Beispiel liefern die sogenannten „Zentauren“, die ihren Ursprung im Schach haben: Mensch-KI-Teams vereinten dort die menschliche Intuition und maschinelle Rechenleistung – und waren so zwei Jahrzehnte lang, bis etwa 2015, selbst den stärksten Großmeistern und Supercomputern überlegen. Auch wenn ihre Zeit im Schach vorbei ist [3]: Diese Zentauren sind das Symbol für die nächste Epoche der Arbeit [4]: nicht Mensch gegen Maschine, sondern Mensch mit Maschine. Stärker, kreativer, verantwortlicher.

Unsere Vorstellung von Augmentierung steht in der Tradition visionärer Technologiepioniere wie Doug Engelbart, der mit seinem „Mother of All Demos“ bereits in den 1960er Jahren das Potenzial digitaler Werkzeuge zur kollektiven Intelligenzsteigerung aufzeigte, oder Howard Rheingold, der den Begriff der „Mind Amplifiers“ prägte. Auch John Markoff beschrieb in „Machines of Loving Grace“ die zentrale Wahl, ob Technologie der Ermächtigung oder der Ersetzung (durch Automatisierung) dienen soll – wir wählen Ermächtigung. So wie das Feuer, das Rad, die Schrift, der Pflug, der Buchdruck, die Dampfmaschine, der Transistor, das Internet den Menschen ermächtigten, niemals ersetzten. Wo Maschinen eintönige Routinen übernehmen, entsteht Raum für Lebenskunst in der Arbeit. Unternehmen werden zu Lernräumen, in denen Mitarbeiter:innen mit Unterstützung intelligenter Systeme neue Kompetenzen aufbauen und neue Arbeitsfelder schaffen, sich als wirksam erleben und gemeinsam mit anderen das Gute unternehmen. Unternehmungslust kann so zur kollektiven Praxis werden: nicht auf Start-ups und Wirtschaft beschränkt, sondern zur holistischen Haltung.

Historischer Kontext

In der aktuellen weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung sind solche Konzepte am engsten mit der europäischen Kultur verbunden:

  • Hier haben die ersten Gewerkschaften den Manchester-Kapitalismus zivilisiert,
  • hier wurde das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft entwickelt und realisiert,
  • hier wurde das solidarische Versicherungswesen erfunden,
  • hier steht der Mensch im Mittelpunkt [9], und

hier kann auch im Umgang mit KI der Mensch in den Mittelpunkt gestellt werden. 

Diese Idee ist tief verwurzelt in einem humanistischen Denken, das sich durch die Jahrhunderte zieht. Schon Aristoteles sprach vom Menschen als „Zoon Politikon“ – als sozialem Wesen, das sich in Gemeinschaft entfaltet. Kant legte mit seiner Ethik der Autonomie den Grundstein für ein Menschenbild, das auf Selbstbestimmung und moralischer Urteilskraft basiert. Und Hannah Arendt erinnerte uns daran, dass wahres Menschsein in der Öffentlichkeit, im Handeln, im Diskurs entsteht. In diesem Geiste verstehen wir KI nicht als Ersatz, sondern als Instrument zur Erweiterung essenzieller menschlicher Möglichkeiten: als eine Erweiterung der Vita Activa zu einer Vita Augmentata.

In der Industriellen Revolution sind zentrale Elemente dieses humanen Ansatzes unter die Räder geraten. Der Mensch wurde als Teil einer Maschine “gedacht”, mehr als Funktion in einem mechanischen System, als eingebettet in seine soziale und natürliche Umwelt (siehe Fritz Kahn’s Grafik). Effizienz, Taktung, Disziplin traten in den Vordergrund – der Mensch lebt länger und komfortabler, aber als entfremdetes Rädchen im Dienst der Maschine.

Der Mensch als Industriepalast - Fritz Kahn (1926)

Im Zeitalter der Wissensökonomie wurden Menschen zwar wieder als Träger von Wissen, Analysekompetenz und Problemlösungsfähigkeit anerkannt. Doch der Fokus blieb oft auf Produktion, nicht auf Potenzial. Jetzt jedoch hebt sich der Vorhang für den nächsten Akt der menschlichen Geschichte, und in ihm wird ein erneuter Paradigmenwechsel möglich: weg von der Optimierung der Verwertung, hin zur Kultur der Entfaltung.

Um diese Vision zu verwirklichen, braucht es mehr als gute Absichten. Es braucht Empowerment von Menschen und Unternehmen. Unternehmen wie Beschäftigte müssen es als Chance erkennen, zusammen mit KI ihre Potenziale zu entfalten. Aus solcher Entfaltung entstehen neue Produkte, aus solchen Produkten entstehen neue Märkte, aus solchen Märkten entstehen neue Ressourcen – für Mensch, Management und Maschine.

Vision einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung

Die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts entsteht nicht durch Exklusion, sondern durch offenes, gemeinsames Gestalten des KI-Potentials. Wir folgen dabei dem Ansatz von Paul Romer, der Wissen und Technologie als ökonomische Wachstumstreiber nur dann als sinnvoll anerkennt, wenn sie breit zugänglich sind. Romers Fortschritts-Konzept weist den Weg zu einer digitalen Allmende: KI sollte als öffentliches Commons, zugänglich, interoperabel, gemeinschaftlich entwickelt und kontrolliert werden. Vermutlich entsteht daraus auch ein Bedarf für neue Übereinkünfte, Rechtsnormen, Tarif- und Gesellschaftsverträge. Aber am Anfang steht die Chance, nicht die Regulierung.

In dieser neuen Ordnung ist Erfolg nicht das Ergebnis aggressiver Expansion, sondern Ausdruck der gemeinsamen Weiterentwicklung von Mensch und Maschine: von Technologie und Humanismus, von Effizienz und Empathie, von ökonomischer Leistungsfähigkeit und sozialer Verantwortung. Die Frage ist nicht, ob Maschinen intelligenter werden – sondern ob wir klug genug sind, sie frei im Dienst des Nicht-Maschinellen zu entwickeln. Denn wie der Technikphilosoph Marwin Kranzberg es pointiert herausstellte: „Technik ist weder gut noch böse; noch ist sie neutral“. Das geschieht nicht von allein, aber wir haben es selbst in der Hand. In Anlehnung an Kants berühmte Aufklärungs-Definition sehen wir hier die Chance für den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten technologischen Abhängigkeit.

Wie übersetzen wir das Leitbild in die Praxis?

Nicht durch Absichtserklärungen, sondern im Alltag, als eine Summe von Entscheidungen, in denen wir selbst wirksam werden. Nur so steht der Mensch im Mittelpunkt, nur so wird aus dem Ideal der Augmentierung gelebte Realität.

Ebene 1 – die individuelle Transformation: Vom Nutzer zum Gestalter

Augmentierung – bzw. die Entwicklung der hierfür relevanten Kompetenzen – ist vornehmlich ein persönliches Projekt. Wir lernen, KI nicht als fremde Macht zu fürchten oder als bloßes Werkzeug zu instrumentalisieren, sondern als Erweiterung unserer ureigenen menschlichen Fähigkeiten zu begreifen. Es geht darum, eine Kultur der digitalen Souveränität zu etablieren. In dieser bewussten Aneignung schärfen wir unsere Urteilskraft durch den Dialog mit der Maschine, formulieren ambitionierte Ziele und entwickeln die unternehmerische Kraft, sie Wirklichkeit werden zu lassen.

Ebene 2 – die organisationale Transformation: Räume für augmentiertes Handeln schaffen

Eine augmentierte Organisation gestaltet lebendige Ökosysteme, in denen sich Menschen gemeinsam mit KI entfalten. Was heute oft noch als Widerspruch erscheint – persönliche Selbstverwirklichung innerhalb organisationaler Strukturen – wird durch Augmentierung zur gelebten Realität. Indem intelligente Systeme administrative Last und repetitive Prozesse übernehmen, entstehen neue Freiräume für kreative Problemlösung, empathische Führung, ethische Reflexion. Die Organisation der Zukunft ist kein Apparat, der Menschen funktionalisiert, sondern ein Resonanzraum für menschliche Entfaltung im Dienst gemeinsamer Ziele.

Ebene 3 – die gesellschaftliche Transformation: Netzwerke des Wandelns

Letztlich schaffen wir ein neues gesellschaftliches Gewebe. Die Zukunft gehört vernetzten Ökosystemen, in denen Wissen und Technologien geteilt werden, um gemeinsam schneller und besser zu sein. Ähnlich wie in Open Source Communities entstehen lebendige Netzwerke des kollektiven Lernens, in denen Wissen und Technologie nicht monopolisiert, sondern demokratisch geteilt werden. Diese Gemeinschaften orientieren sich konsequent an einem neuen Leit-Wert: Fortschritt wird nicht am Bruttosozialprodukt gemessen, sondern am Grad der Verwirklichung menschlichen Potenzials im Einklang mit der Um-Welt.

Dieses Leitbild ist keine Utopie. Es ist ein unternehmerisches, ein wissenschaftliches, ein politisches Projekt. Und ein gemeinschaftliches Projekt. Lassen wir uns herausfordern, mit KI die nächste Gesellschaft zu gestalten.

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Autoren und Unterstützende des Leitbilds

  • Dr. Max Senges – IEB/UdK – Autor
  • Monika Ilves – Direktorin IEB – Autorin
  • Detlef Gürtler – Publizist – Autor
  • Manuel Dolderer – Gründer Code University – Autor
  • Susann Masslau – UX Designerin
  • Holke Brammer – Project Together
  • Hannes Gräf – adelphi, Senior Manager, Sustainable Finance
  • Dr. Dr. Thomas Schildhauer – Direktor ZIWT der UdK Berlin
  • Anika Wilczek – PD, Leiterin Expert Group Digitale Verwaltung
 

Zitiervorschlag: 

Senges, M., Ilves, M., Gürtler, D., Dolderer, M. (2025) KI zur Potentialentfaltung – Ein sozio-ökonomisches Leitbild für ein humanistisches KI-Zeitalter; Institute of Electronic Business, UdK Berlin. Auf SSRN: https://ssrn.com/abstract=5501838

Bibliographie

Hannah Arendt (1960) Vita activa oder Vom tätigen Leben

Dirk Baecker (2007). Studien zur nächsten Gesellschaft.

Doug Engelbart (1962). Augmenting human intellect: A conceptual framework. In Augmented Education in the Global Age (pp. 13-29). Routledge.

Detlef Gürtler und Max Senges (2025) das Gute unternehmen, SubStack

Detlef Gürtler (2001). Die Humane Revolution, DVA

Melvin Kranzberg: Technology and History: ‘Kranzberg’s Laws’. Technology and Culture. 27 (3), 1986, S. 544–560.

John Markoff (2016) Machines of loving grace: The quest for common ground between humans and robots. HarperCollins Publishers,

Mollick, E. (2024). Co-intelligence: Living and working with AI. Penguin.

Howard Rheingold (2012) “Mind Amplifier: Can Our Digital Tools Make Us Smarter?”, TED Books

Paul M. Romer (1990) Endogenous Technological Change, The Journal of Political Economy, Vol. 98, No. 5, Part 2: The Problem of Development: A Conference of the Institute for the Study of Free Enterprise Systems, pp. S71-S102.

Fußnoten

[1] Wir haben uns in diesem Aufsatz bewusst für eine positiv Sichtachse entschieden; Themen wir KI und Ethik, Responsible AI, Daten-Transparenz und –Schutz, Adressierung des Digital Divide, der ökologischen Herausforderungen, durch hohen Energieverbrauch, sowie Urheberrecht, sind wichtig und wir unterstützen die aktiven Arbeiten hierzu, der vorliegende Aufsatz beschreibt aber eine Ebene darüber ein positives Leitbild zur Orientierung.

[2] so der Leitspruch des Schweizer Unternehmers Gottlieb Duttweiler, der 1941 sein Unternehmen, den größten Einzelhandelskonzern des Landes, seinen Kunden schenkte

[3] Passig, K (2022): Das Ende der Zentauren, Frankfurter Rundschaum 21.10.2022, https://www.fr.de/fr7/update-ende-der-zentauren-91865688.html (Danke für den Hinweis an Prof. Dr. Gunter Dueck)

[4] Wilson, H. J., & Daugherty, P. R. (2018). Human+ machine: Reimagining work in the age of AI. Harvard Business Review or Wilson, H. J., Daugherty, P., & Bianzino, N. (2017). The jobs that artificial intelligence will create. MIT Sloan Management Review, 58(4), 14.

[5] so der Leitspruch des Schweizer Unternehmers Gottlieb Duttweiler, der 1941 sein Unternehmen, den größten Einzelhandelskonzern des Landes, seinen Kunden schenkte.

 
 
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