Ein Interview mit Prof. Schildhauer in der „Bildungspraxis“ – das didacta Magazin für berufliche Bildung

„WIE IM 19. JAHRHUNDERT“

Berufsbildung 4.0 wird oft nur auf der Ebene der Technik diskutiert. Dabei muss sich auch die Didaktik ändern, sagt Digitalisierungsforscher Thomas Schildhauer.

Interview Vincent Hochhausen

BILDUNGSPRAXIS: Die Berufsbildung in Deutschland funktioniert gut. Warum ist digitales Lernen in der Berufs- bildung dennoch notwendig?

Thomas Schildhauer: Lerner können durch digitale Medien und Lernan gebote in ihrer individuellen Lerngeschwindigkeit und auf ihre präferierte Art lernen. Diese Möglichkeit des differenzierten Lernens ist entscheidend. Dazu kommt die Möglichkeit, Inhalte medial auf neue Art aufzubereiten und zu vermitteln, etwa mit Simulationen oder Videos. Und schließlich lassen sich Konzepte wie Flipped Classroom gut mit digitalen Lernanwendungen verbinden und bieten für die Lehrkräfte ganz neue Möglichkeiten.

Wie sehen solche neuen Lernformen in der Praxis denn aus?

Das erforschen wir derzeit. Momentan untersuchen wir den Einsatz einer digitalen Lernanwendung für Kfz- Mechatroniker an Berufsschulen im Rhein-Erft-Kreis. Die Grundidee des Systems ist, dass die Inhalte, die eigentlich im Schulbuch abgebildet werden, vom Schüler individuell in digitalen Lernräumen bearbeitet und vermittelt werden. Dabei wollen wir feststellen, wie Azubis die Anwendung nutzen, wie Lehrer sie in den Unterricht einbetten und wie es sich auf die Ergebnisse auswirkt.

Wird das Lernen dadurch besser?

In diesem speziellen Projekt ist es noch zu früh, das zu beantworten. In anderen Untersuchungen, bei denen wir den Einsatz von Quiz-Apps im kaufmännischen Bereich begleitet haben, haben wir aber tatsächlich beobachten können, dass diese sich positiv auf die Prüfungsergebnisse auswirkten und von den Lernern gern genutzt wurden. Insgesamt stellen wir aber auch fest, dass die technische Infrastruktur an den Berufsschulen vielerorts unzureichend ist. Eine Lernanwendung, bei der angehende Mechatroniker bestimmte Teile an einer Simulation identifizieren müssen, kann nicht auf Rechnern mit uralten Grafikkarten funktionieren, die noch mit Windows 95 laufen.

Was muss sich verändern, damit sich digitales Lernen etabliert?

Das ist eine zentrale Frage. Was das ganze Bildungssystem angeht, operieren wir teilweise noch mit Bildungsvorstellungen aus dem 19. Jahrhundert, sprich Frontalunterricht und Nürnberger Trichter.

Das klingt so, als gebe es viel zu tun …

Ganz so schlimm ist es nicht. Auf Teufel komm raus alles auf digital umzustellen ist sicher nicht sinnvoll,
es braucht eine gute Kombination aus digitalen Angeboten und herkömmlichem Präsenzunterricht. Bei dem oben genannten Mechatroniker-Projekt zum Beispiel bekommen die Schüler Zeit, in der sie relativ selbstständig mit der Lernanwendung arbeiten und so Kenntnisse zu einem bestimmten Thema erwerben. Im gemeinsamen Unterricht greifen die Lehrer das grundlegende Wissen, dass sich die Schüler selbst erarbeitet haben, an konkreten Fällen auf und vertiefen es. Sich für dieses Modell didaktische Formate zu überlegen ist eine Herausforderung.

Ist das Erarbeiten neuer didaktischer Konzepte Aufgabe der Lehrkräfte? Müsste es da nicht Unterstützung geben?

Ganz klar müsste es das. Das Bildungssystem hat viele verschiedene Komponenten und im Idealfall sollten alle

Stakeholder, also Bildungsträger, Politik, Lehrkräfte, Schüler und Verlage, gemeinsam in Bewegung kommen, um didaktische Konzepte zu erarbeiten. Im Berufsschulbereich ist die Bereitschaft, neue Ideen und Lernformen auszuprobieren, vielleicht sogar höher als an den allgemeinbildenden Schulen, da Berufsschulen schon immer mit der Wirtschaft und deren Anforderungen enger verknüpft sind.

Muss nicht erst einmal für die technische Infrastruktur gesorgt sein, bevor man die Didaktik angehen kann?

Ich glaube, die Arbeit an einer digitalen Berufsbildung muss auf allen Ebenen synchron passieren. Wir haben schon oft erlebt, dass Mittel für technische Ausstattung bereitgestellt werden, deren Wirkung dann aber begrenzt bleibt. Dadurch, dass Smartboards in allen Klassenräumen stehen, verändert sich noch nicht der Unterrichtsablauf und das Lernen. An der Technik darf es nicht scheitern, aber gleichzeitig muss auch die intrinsische Motivation geschürt werden, die Technik auch einzusetzen, zum Beispiel durch konkrete Projekte.

Wie können Berufsschullehrer, die diesen Prozess anstoßen wollen, loslegen?

Es gibt bereits viele Pilotprojekte und Initiativen, die man als Inspiration nehmen kann. Ein guter Anfang ist, sich mit lokalen Akteuren zu vernetzen, die im Bereich digitale Bildung aktiv sind. Und für die Berufsschulen ist es ohnehin immer von Vorteil, mit den Ausbildungsunternehmen in engem Kontakt zu stehen.